Mittwoch, 21. Oktober 2009

Vom zufälligen Schicksal und schicksalshaftem Zufall

„Nicht schon wieder ich“, denkt er sich, als er auf den leeren Platz starrt, auf dem gestern noch sein Toyota Corolla stand. Da war kein Parken-Verboten-Schild. Spontane Baustelle. Vergangene Woche hat man ihm das Autoradio geklaut. Im vergangenen Monat war er im Krankenhaus. Magengeschwür. Wen wundert’s. Dauerstress und viel zu viel Ärger. Seine Frau hat einen anderen kennengelernt. Jünger, muskulöser, gebildeter, romantischer. Mit einem Wort: besser. Seelenverwandt quasi. Das wusste sie sofort, als er in seinen engen Radlerhosen posierte und sie mit einer roten Rose im Mund über die wahren Hintergründe der Weltwirtschaftskrise aufklärte. Die Kinder hat sie mitgenommen. Seine Welt ist zusammengebrochen. Er hat das Gefühl, dass ihm alles entgleitet. Die Kontrolle über sein Leben hat jetzt irgendjemand anders. Und dem scheint es Spaß zu machen, ihn zu quälen.

Kommt im Leben alles immer so, wie es kommen soll? Ist alles geplant? Von einer höheren Macht? Öffnet sich ein Fenster, wenn sich eine Tür schließt? Gibt es so etwas wie Schicksal oder ist alles nur eine Reihe von Zufällen? Bekommt jeder, was er verdient?

Ja. Manchmal. Teilweise. Aber was soll ich sagen. Mein Leben verlief bisher ziemlich nach Plan. Verdient? Keine Ahnung. Es ist, als ob ich durch einen Supermarkt geh’ und die Sachen auf meinem Einkaufszettel der Reihe nach abhak’. Wunderbare Kindheit. Haken. Spannende Jugend. Haken. Freundin, Freunde, Familie, Wohnung, Job. Haken, Haken, Haken, Haken und Haken. Alles im Einkaufswagen, was man braucht. Alles bekommen, was ich wollte. Aber der Weg zur Kassa ist noch weit. Hoffe ich doch.

Zwischendurch war das anders. Es gab Zeiten, in denen im regelmäßigen Abstand von ein paar Wochen etwas passierte. Etwas Schlimmes. Menschen bekamen, was niemand auf dieser Welt verdient. Aber meine engste Familie, mein engster Freundeskreis und ich selbst blieben halbwegs verschont. Warum ausgerechnet er? Warum sie? Warum ich? Diese Fragen musste ich mir bisher eher selten stellen. Klopf, Klopf, Klopf. Schlimmer geht’s immer.

Dass nicht jeder so ein wohlwollendes Schicksal hat, ist mir bewusst. Viele bekommen, was ich niemandem jemals wünschen würde. Leid zum Quadrat quasi. Unglückliche Zufälle? Wahrscheinlich. Die Frage nach dem Warum beschäftigt aber jeden. Auch mich. Wenn auch im positiven Sinn. Da muss man schon dankbar sein, für das, was einem an Glück widerfährt. Aber wem soll man danken? Soll man sich selbst gratulieren oder der höheren Macht? Dann wäre ja doch alles gelenkt, alles Schicksal.  Aber ist das vielleicht nicht nur eine Vorstellung, die uns hilft, Dinge zu verstehen. Eine Sehnsucht, die uns tröstet, wenn der blöde Zufall und das schwere Schicksal gemeinsam etwas aushecken? Ein anderes Thema, das ich vielleicht irgendwann aufgreifen werde.

Dass Unglück und Leid zum Leben gehören, reicht mir jedenfalls nicht als Erklärung. Ohne Elend keine Freude. Blabla. Warum kann nicht jeder zufrieden sein? Warum kann nicht jeder vom Leben das bekommen, was er sich wünscht? Zumindest sollte man darum kämpfen können. Aber selbst das vermag nicht jeder. Ob er nun selbst schuld ist oder nicht. Schicksal oder Zufall? Selbst gelenkt oder Auto-Pilot?

„Der hat aber ein schweres Schicksal.“ Das klingt immer so, als könne er nichts dafür. Und oft ist das auch so. Aber fest steht, dass wir das Glück haben, unser Schicksal zumindest teilweise selbst in die Hand nehmen zu können. Und trotzdem kann immer wieder ein Zufall dazwischen kommen. Es scheint, dass es beides gibt. 

Um sicher zu sein, müsste man mit jemanden reden, der sich auskennt. Am besten mit dieser höheren Macht persönlich, die es vielleicht gibt und die ich jetzt der Einfachheit halber Gott nenne, weil dieser Begriff ohnehin alle Religionen irgendwie abdeckt. Vielleicht frag ich einmal um ein Interview an. Wäre sicher spannend. Da gibt es viele Fragen, die ich nur zu gerne stellen würde. Ich halt euch am Laufenden. Bei der Macht von Grayskull!

„Das Schicksal liegt nicht in der Hand des Zufalls; es liegt in deiner Hand: du sollst nicht darauf warten, du sollst es bezwingen.”
William Jennings Bryan (1860-1925), amerik. Politiker

„Was die Leute gemeiniglich als Schicksal nennen, sind meistens nur ihre eigenen dummen Streiche.”
Arthur Schopenhauer (1788-1860), dt. Philosoph

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